Blavatskys Blumengleichnis

Helena P. Blavatsky sagte damit durch die Blume, im doppelten Wortsinn: Seid Blüten, keine Knopsen!

Happy new year,
Be as united as
loving as these two
flowers — only try to
have less buds than them
and on the whole.

Yours truly,
HPB

Frohes Neues Jahr,
seid so vereint und so

liebevoll wie diese zwei
Blumen – jedoch versucht,
im Großen und Ganzen
weniger Knospen zu haben als diese.

Aufrichtig die Eure,
HPB

Das ist ihre bekannte, typische philosophische Ironie gegenüber Fehlentwicklungen und Mißständen: liebevoll, leicht spöttisch, geistig anspruchsvoll. Sie lobt zuerst und setzt dann eine kleine, feine Spitze, um zur Besserung zu mahnen.

Photo: TS in Ukraine, public domain.

Mit ihrem Blumengleichnis sagt sie ihren Theosophen: An euren Taten werdet ihr gemessen, nicht an euren Worten. Man muß etwas vorzeigen können.

Das ist analog zu dem, was die Redakteure Jesus sagen sagen: “An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen” (Matthäus 7,16) und “Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum aber schlechte” (Matthäus 7,17).

Ihre Theosophie soll nämlich praktisch gemacht werden, das war ihre bekannte ständige Forderung. Die von ihr wiederbelebte und zugleich reformierte Theosophie soll keine Ersatz-Religion mit Ersatz-Gottesdiensten sein, mit scheinheiligem Gerede (“cant”) über die Meister/Mahatmas, wogegen diese sich noch in ihrem Brief von 1900 an Annie Besant wenden mußten, bekanntermaßen vergebens (Faksimilie bei Blavatsky Archives).

Eine Blüte zu werden und keine Knospe, bedeutet esoterische und praktische Erfolge für die eigene geistige wie der organisatorischen Entwicklung, den Ausbau der Theosophischen Gesellschaft und die Umsetzung der Ziele durch gesellschaftliche Impulse und Reformen, wie sie Blavatsky dargelegt hat: Gegen Korruption in Staat und Gesellschaft, aber unpolitisch, gegen Alkohol, für Tierschutz, für Frauenrechte, so u.a. in ihrem ersten Brief von 1888 an die amerikanischen Konvente.

Gerade zu Neujahr war das eine elegante Art zu sagen: Mehr Sein als Schein, wie es die alte preußische Redensart war. Weniger Einzelinteressen und Lieblingstheorien, sondern die Ziele im Auge behalten, Taten statt Worte, im Gegensatz zu theologischen Grundsätzen, wonach nicht Werke, sondern der Glaube allein erlöse.

Das liest sich menschlich, nicht rigide, und lässt Spielraum, es geht ihr um das Gesamtergebnis, um das Gruppenkarma, für das erste Ziel, einen Kern der Universalen Bruderschaft zu bilden, also von selbstlosen Menschen, die das Wohl aller im Blick haben und die gesamtkarmische Last der Menschheit senken, zumindest nicht weiter erhöhen wollen.

Einzelne menschliche Schwächen, Ausrutscher, Inkompetenz, Unzulänglichkeiten (also Knospen), schließt sie keineswegs katergorisch und fanatisch aus, sie werden realistisch mit berücksichtigt, wie aus ihren Relativierungen hervorgeht (“versucht… weniger Knopsen”). Blavatsky geht auch hier konsequent den Mittleren Weg des Mahayana, bei der theosophischen Aufbauarbeit ist es ein Eiertanz zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen dem, was nötig und machbar wäre und dem, was real getan wird.

  • Quelle: The Theosophical Society in Ukraine auf Facebook vom 01.01.2026. Dort ist keine Primärquelle genannt, und auch der Empfänger dieses Neujahrsgrusses, wohl in Gestalt einer Postkarte, bleibt unbekannt und festzustellen.

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