Blavatskys hellseherische Praxis

Als die “Sphinx des 19. Jahrhunderts” auf Weisung ihres Meisters 1874 in New York City ankam, war sie für ihre große Aufgabe, die er ihr bereits 1851 ankündigte, fertig ausgebildet und vorbereitet und nicht etwa ein (unzuverlässiges) “Medium”, wie der Anthroposoph Axel Burkart mehrfach behauptete (aber nicht begründete).

Photo von William Q. Judge von Blavatsky 1887 in London, an
The Secret Doctrine schreibend; gemeinfrei; mit KI verbessert.

Statt Unterstellungen und Mutmaßungen anzustellen, ist es sachdienlich, sich zunächst damit bekannt zu machen, wie sie selbst im Astrallicht gelesen hat, nachfolgend am Beispiel (man kann noch mehr finden) in einem Brief von wohl 1876 an ihre Nichte Vera (Vera Vladimirovna de Zhelihovsky, verheiratete Mrs. Charles Johnston, 1864–1923), Tochter ihrer jüngeren Schwester Vera Petrovna de Zhelihovsky (1835–1896).

Das Astrallicht (sie unterscheidet noch das niedere und das höhere) sei identisch mit Akasha, ein Begriff, den sie ebenfalls 1876 privat benutzt und dann in Isis Unveiled (1877), S. I:xxvii erklärt: “The astral light is identical with the Hindu akâsa“.

Den Begriff Akascha-Chronik (Weltgedächtnis) hatte Dr. Rudolf Steiner in der 20-teiligen Artikelserie Aus der Akascha-Chronik seiner Zeitschrift Lucifer-Gnosis ab Juli 1904 geprägt und populär gemacht.

In dem undatierten Brief an ihre jüngere Schwester Vera, der wahrscheinlich um 1876 geschrieben wurde, beschrieb Helena P. Blavatsky, wie die Göttin Isis selbst sie zu ihrem ersten Buch Isis Unveiled (1877) inspirierte. […]

“Nun, Vera, ob du mir glaubst oder nicht, etwas Wunderbares geschieht mit mir. Du kannst dir nicht vorstellen, in welch bezaubernder Welt aus Bildern und Visionen ich lebe. Ich schreibe Isis; nicht schreibend, sondern vielmehr abschreibend und zeichnend, was Sie mir persönlich zeigt. Bei meiner Ehre, manchmal scheint es mir, als führe mich die alte Göttin der Schönheit persönlich durch alle Länder vergangener Jahrhunderte, die ich beschreiben muss.

Ich sitze mit offenen Augen da und sehe und höre allem Anschein nach alles um mich herum real und tatsächlich, und doch sehe und höre ich gleichzeitig das, was ich schreibe. Ich bin atemlos; ich wage mich nicht, mich auch nur im Geringsten zu bewegen, aus Angst, der Bann könnte gebrochen werden. Langsam, Jahrhundert für Jahrhundert, Bild für Bild, schweben sie aus der Ferne herbei und ziehen wie in einem magischen Panorama an mir vorbei; und währenddessen füge ich sie in meinem Kopf zusammen, ordne sie Epochen und Daten zu und bin mir sicher, dass es keinen Fehler geben kann.

Völker und Nationen, Länder und Städte, die längst in der Dunkelheit der prähistorischen Vergangenheit verschwunden sind, tauchen auf und verschwinden wieder, um anderen Platz zu machen; und dann werden mir die aufeinanderfolgenden Daten genannt.

Die graue Vorzeit weicht historischen Epochen; Mythen werden mir anhand von Ereignissen und Personen erklärt, die wirklich existiert haben, und jedes Ereignis, das auch nur im Geringsten bemerkenswert ist, jede neu umblätterte Seite dieses bunten Buches des Lebens prägt sich mit fotografischer Genauigkeit in mein Gedächtnis ein.

Meine eigenen Überlegungen und Berechnungen erscheinen mir später als separate farbige Teile unterschiedlicher Form in einem Spiel, das Casse-Tête (Puzzles) heißt. Ich sammle sie und versuche, sie nacheinander zusammenzufügen, und am Ende entsteht immer ein geometrisches Ganzes. … Ganz sicher bin nicht ich es, die all das tut, sondern mein Ego, das höchste Prinzip, das in mir lebt. Und selbst das mit Hilfe meines Gurus und Lehrers, der mir in allem hilft. Wenn ich etwas vergesse, muß ich mich nur in Gedanken an ihn oder einen anderen seiner Art wenden, und schon taucht das Vergessene wieder vor meinen Augen auf – manchmal ganze Zahlentabellen, lange Auflistungen von Ereignissen. Sie erinnern sich an alles. Sie wissen alles. Woher könnte ich mein Wissen beziehen ohne sie?”

  • Anonym als “Letters of H.P. Blavatsky, II,” von William Quan Judge gedruckt in The Path 9, no. 10 (January 1895):300. Das russische Original erschien in Russkoye Obozreniye 6 (November 1891): 274. Die Übersetzerin war Blavatskys Nichte Vera V. Johnston. Laut Wouter J. Hanegraaff (2017, The Theosophical Imagination) gab es noch zwei andere Übersetzungen ins Englische, aber die von Vera sei die genaueste.

Englische Fassung: Blavatsky’s Clairvoyant Practice

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