Dr. Rudolf Steiner 1925: Rech­te Gedan­ken­an­st­ren­gung

Wer in sein Urteil nur leise empfindend die Behauptung einfließen läßt, das geistig Geschaute sei von dem gewöhnlichen, noch nicht schauenden Bewußtsein — wegen dessen Grenzen — nicht erfaßbar, dem legt sich dieses empfindende Urteil wie eine verfinsternde Wolke vor das Erfassen; und er kann wirklich nicht verstehen.

Aber dem unbefangenen nicht schauenden Bewußtsein ist das Geschaute voll verständlich, wenn es der Schauende bis in die Gedankenform hineinbringt. Es ist verständlich, wie dem Nicht-Maler das fertige Bild des Malers verständlich ist. Und zwar ist das Verständnis der Geist-Welt nicht das künstlerisch-gefühlsmäßige wie bei einem Kunstwerke, sondern ein durchaus gedankenmäßiges wie der Naturerkenntnis gegenüber.

Um aber ein solches Verständnis wirklich möglich zu machen, muß der Darsteller des geistig Geschauten seine Schauungen bis zu einem richtigen Hineingießen in die Gedankenform bringen, ohne daß sie innerhalb dieser Form ihren imaginativen Charakter verlieren.

Das stand al­les vor mei­ner See­le, als ich mei­ne «Ge­heimwissenschaft» aus­ar­bei­te­te.

1909 fühl­te ich dann, daß ich mit die­sen Vor­aus­set­zun­gen ein Buch zu­stan­de­brin­gen kön­ne, das: ers­tens den In­halt mei­ner Geis­tes­schau bis zu ei­nem ge­wis­sen, aber zu­nächst ge­nü­gen­den Gra­de, in die Ge­dan­ken­form ge­gos­sen, brach­te; und das zwei­tens von je­dem den­ken­den Men­schen, der sich kei­ne Hin­der­nis­se vor das Ver­ständ­nis legt, ver­stan­den wer­den kann.

Photo: Dr. Steiner, gemeinfrei, fair use.

Ich sa­ge das heu­te, in­dem ich zu­g­leich aus­sp­re­che, daß da­mals 1909 mir die Ver­öf­f­ent­li­chung des Bu­ches als ein Wag­nis er­schi­en. Denn ich wuß­te ja, daß die ge­for­der­te Un­be­fan­gen­heit ge­ra­de die­je­ni­gen nicht auf­brin­gen kön­nen, die Na­tur­wis­sen­schaft be­ruf­lich trei­ben, und eben­so­we­nig al­le die zahl­rei­chen Per­sön­lich­kei­ten, die in ih­rem Ur­tei­le von die­sen ab­hän­gig sind.

Aber es stand ge­ra­de die Tat­sa­che vor mei­ner See­le, daß in der Zeit, in der sich das Be­wußt­sein der Mensch­heit von der Geist-Welt am wei­tes­ten ent­fernt hat­te, die Mit­tei­lun­gen aus die­ser Geist-Welt ei­ner al­ler­drin­gends­ten Not­wen­dig­keit ent­sp­re­chen.

Ich zähl­te dar­auf, daß es auch Men­schen gibt, die mehr oder weniger die Ent­fer­nung von al­ler Geis­tig­keit so schwer als Le­bens­hin­der­nis emp­fin­den, daß sie zu Mit­tei­lun­gen aus der Geist-Welt mit in­ne­rer Sehn­sucht grei­fen.

Und die fol­gen­den Jah­re ha­ben das ja voll be­stä­tigt. Die «Theosophie» und «Ge­heim­wis­sen­schaft» ha­ben als Bücher, die im Le­ser gu­ten Wil­len vor­aus­set­zen, auf ei­ne schwie­ri­ge Sti­li­sie­rung einzugehen, wei­te Ver­b­rei­tung ge­fun­den.

Ich ha­be ganz be­wußt an­ge­st­rebt, nicht ei­ne «po­pu­lä­re» Dar­stel­lung zu ge­ben, son­dern ei­ne sol­che, die not­wen­dig macht, mit rech­ter Gedan­ken­an­st­ren­gung in den In­halt hin­ein­zu­kom­men. Ich ha­be damit mei­nen Büchern ei­nen sol­chen Cha­rak­ter auf­ge­prägt, daß deren Le­sen selbst schon der An­fang der Geis­tes­schu­lung ist. Denn die ru­hi­ge, be­son­ne­ne Ge­dan­ken­an­st­ren­gung, die die­ses Le­sen notwen­dig macht, ver­stärkt die See­len­kräf­te und macht sie da­durch fähig, der geis­ti­gen Welt na­he zu kom­men.

Daß ich dem Bu­che den Ti­tel «Ge­heim­wis­sen­schaft» ge­ge­ben ha­be, hat so­g­leich Mißv­er­ständ­nis­se her­vor­ge­ru­fen. Von man­cher Sei­te wur­de ge­sagt, was «Wis­sen­schaft» sein will, darf nicht «ge­heim» sein. Wie we­nig be­dacht war ein sol­cher Ein­wand. Als ob je­mand, der einen In­halt ver­öf­f­ent­licht, mit die­sem «ge­heim» tun wol­le.

Das gan­ze Buch zeigt, daß nichts als «ge­heim» be­zeich­net, son­dern eben in ei­ne sol­che Form ge­bracht wer­den soll­te, daß es ver­ständ­lich sei wie nur ir­gend­ei­ne «Wis­sen­schaft». Oder will man, wenn man das Wort «Na­tur­wis­sen­schaft» ge­braucht, nicht an­deu­ten, daß es sich um Wis­sen von der «Na­tur» han­delt? Ge­heim­wis­sen­schaft ist Wis­sen­schaft von dem, was sich in­so­fer­ne im «Ge­hei­men» ab­spielt, als es nicht drau­ßen in der Na­tur wahr­ge­nom­men wird, son­dern da, wo­hin die See­le sich ori­en­tiert, wenn sie ihr In­ne­res nach dem Geis­te rich­tet.

«Ge­heim­wis­sen­schaft» ist Ge­gen­satz von «Na­tur­wis­sen­schaft».

Quellen

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