Ein Editionsprojekt gewaltigen Ausmaßes steht kurz vor dem Abschluss.
Seit 1961 erscheint die Rudolf Steiner Gesamtausgabe, und nun ist ihre Vollendung zum Greifen nah. Im Rahmen des vom Rudolf Steiner Archiv betreuten Projekts wurden bereits über 400 Bände veröffentlicht; nur ein kleiner Teil davon sind Bücher, der Rest sind Aufzeichnungen von Steiners Vorträgen.
Besonders die letztere Gattung hat das Team vor Herausforderungen gestellt, erzählen Philip Kovce und Angelika Schmitt, Leitende des Archivs, in einem Interview. Nicht alle Vortragsmitschriften sind von professionellen Stenografinnen und Stenografen angefertigt worden, viele sind ‹Werke ohne Autor›, zum Beispiel Erinnerungsprotokolle, die nicht von Steiner geprüft wurden und bei denen nicht mehr nachvollzogen werden kann, wer sie verfasst hat.
Als Letztes werden Steiners Briefe und Notizen redigiert und digitalisiert; dieses Jahr wird zudem ein Handbuch zur Gesamtausgabe publiziert. Ein Ziel sei es, Steiners Gesamtwerk der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, damit darüber diskutiert werden kann, so Kovce.
- Quelle: Das Goetheanum (Facebook)
Komm.: Das ist sehr löblich. Währenddessen wartet man noch auf das (Wieder-)Zugänglichmachen der reichhaltigen deutschsprachigen theosophischen Bücher und Zeitschriften, wie den Lotusblüten, Neuen Lotusblüten, Theosophischer Wegweiser, Theosophisches Leben, Theosophische Kultur, den Dutzenden ITV-Kleinschriften, und vor allem auf eine Franz-Hartmann-Gesamtausgabe (FGA).
Dies ist vor allem darum unerklärlich, weil es heutzutage technisch problemlos möglich ist, bestandserhaltene Faksimilie-Nachdrucken drucken zu lassen, auch ganz preiswert im print-on-demand-Verfahren. Am Geld kann es nicht liegen, das wäre da. Einer TG drohte sogar der Entzug der Gemeinnützigkeit durch das Finanzamt, weil sie nicht wußten, was sie mit dem Geld machen sollen.
Auch Zeit- oder Mitarbeitermangel kann kein Grund sein, weil man heutzutage professionelle Scans als Repro-Vorlage auch durch eine Firma erledigen lassen kann. Man muß heutzutage dafür nicht mehr wie früher die Bücher opfern (aufschneiden lassen), weil es Auflicht-Scanner mit V-förmiger Buchöffnung gibt.
Man fragt sich, warum besonders den Mitgliedern der Hartmann-TG ihre frühere reichhaltige Literatur nicht in Faksimilie-Nachdrucken zur Verfügung gestellt wird und sie damit zumindest auf den hohen Erkenntnisstand von 1900 und 1930 wieder hinaufkämen?
Die wahren Gründe erfährt man privat: “Karma macht es!” – Also Karl Karma kommt eines Tages vorbei und regelt alles. Oder: “Es ist geeee-heiiim!” Oder: “Das ist doch alt, es gibt Neues!” Oder. “Wir müssen nichts tun, die Meister machen alles, die bauen neue Bibliotheken auf!” – Die Meister als Flaschengeister, die alle Wünsche erfüllen wie im Märchen “1001 Nacht”.
Das bisher ignorierte Weltkulturerbe von Dr. Franz Hartmann wird also selbst von seinen Anhängern gering geschätzt. Man ist an das Märchen von “Hans im Glück” erinnert, der seinen großen, schweren Goldklumpen für einen kleinen, leichten Kieselstein hergab und sich sehr darüber freute.
Derweil verschwindet immer mehr aus den Privatwohnungen der alten Theosophen. Auch aus der aufgelösten “Theosophischen Informationsstelle” in Frankfurt am Main ist die Erstausgabe des Theosophischen Wegweisers verschwunden, ein Stapel im großen Zeitungsformat, mindestens des 1. Jahrgangs. Ein Vergleich mit der gebundenen Ausgabe in grünem Einbanddeckel zeigte, daß in der kleinformatigen Zweitauflage in Buchgröße die Artikel gekürzt wurden. Niemand weiß heute mehr, wohin diese Erstausgabe verschwunden ist. Vielleicht hat sie jemand mit nach Hause genommen, vielleicht landeten sie nach Wohnungsauflösung, wie meist, schon auf der Müllhalde.
Während die Anthroposphen vorbildlich arbeiten und ihren Mitmenschen helfen, voranzukommen, möchten die Theosophen Marionetten der Meister werden und sich deren eingebildeter Planwirtschaft unterwerfen. Und das, obwohl Mahatma M. schon 1882 an den Journalisten Alfred P. Sinnett schrieb, daß sie sich nicht an der Leine führen lassen werden:
“Let him [Mr. Hume] remember, that we are not Indian rajahs in need of, and compelled to accept political Ayahs, and nurses to lead us on by the string.”
“Er [Herr Hume] soll sich daran erinnern, dass wir keine indischen Rajas sind, die politische Ayahs und Kindermädchen benötigen, die uns an der Leine führen und gezwungen sind, dies zu akzeptieren.”
- The Mahatma Letters to A. P. Sinnett, Letter No. 46, received Simla, {September 6+}, 1882. Ayahs (Singular: Ayah, aus Hindi āyā) waren während der britischen Kolonialzeit in Indien überwiegend einheimische indische Kindermädchen und Dienstmädchen, die in europäischen Haushalten arbeiteten.
Auch Mahatma K. H. brachte das Kindermädchen-Gleichnis in einem Antwort-Brief an Dr. Franz Hartmann, der sich offenbar wunderte, daß die Mahatmas schon länger keinen Brief mehr an ihn geschrieben haben. Die Hartmann-Forscherin Susanne Hoepfl-Wellenhofer hebt die Bedeutung dieser Aussage auch für die allgemeine theosophische Gruppenarbeit hervor:
In another letter, K.H. stresses the importance of independent actions for anyone involved in disseminating Theosophical teachings:
“I do not have to explain to you first . . . As you have studied the laws of Karma, although not without some help having been given to you in this. For this reason, you do not receive more often instructions from me. We are leaders but not child-nurses. The weak ones, not the strong ones, are in constant need of definite “Orders,” and at times our chelas satisfy their wishes. This is willing slavery, but not healthy growth. Step forward and try to see clearly yourself what is most needed for the Society. Seek out what your duty may be and carry it out. If you do the right thing, I will be at your side; but I will not give any advice, and will not involve myself in anything, unless it be unavoidably required, and you were in great doubt.”
Kurios, daß die Anthroposophen, die durch die herabziehende Neuausrichtung von Besant und Leadbeater hin zu Glauben, Aberglauben, Ersatzreligion und Christuswahn mit Krishnamurti zu einer Umbenennung genötigt waren, um sich von dieser niederastralen Fehlentwicklung abzugrenzen, den von Helena P. Blavatsky gesetzten Zielen, die Theosophie wissenschaftlich und praktisch zu machen, um gesellschaftliche Reformen anzuregen, viel näher stehen als die heutigen, realexistierenden Theosophen, denen oft die Liebe zu den Mitmenschen fehlt, denen sie das ihnen anvertraute Wissen vorenthalten, für die nur Karma wichtig ist (ihr gutes Karma selbstverständlich) und auch ihre “Seelenpflege” und die mit der Theosophie nach ihrem Ebenbild und nicht nach Blavatsky Ersatz-Religion betreiben, während gleichzeitig die gesellschaftlichen Zustände, die die edle TG-Gründerin verbessert sehen wollte, immer schlimmer werden.
Dabei wäre die Umsetzung der Ziele von Blavatsky ganz einfach und erforderte nur einen durchschnittlichen Intellekt. Es kostet doch viel mehr (abwärtsgerichtete) Willenskraft, sich dem Aufblühen der Theosophie in den Wge zu stellen und das geistige Leichentuch auszubreiten, die jeden Fortschritt verhindert, nach dem Motto: “Wer sich zuerst bewegt, hat verloren!” Es sieht so aus, als ob die deutschen Theosophen sich davor fürchten, daß die Theosophie erfolgreich wird. Konsequenterweise haben auch zwei TG-Leiter schon zugegeben, daß sie keine Erfolg wünschen, denn so könne es auch keinen Mißbrauch geben.
Ein TG-Leiter meinte einmal: “Wir sind im Kali-Yuga, man kann nix machen!” – Das Gegenteil ist wahr, gerade die Gegensatz-Natur des Kali Yuga bietet Gelegenheiten und Möglichkeiten, man muß nur wollen. Die anthroposophische Arbeit, von Bestandserhaltung der Bücher bis hin Waldorf-Schulen, Demeter-Biolandwirtschaft über anthroposophsche Ärzte bis hin zu anthroposophischen Alnatura-Supermärkten, die die Gesellschaft im Sinne Blavatskys reformieren, sind die lebende Widerlegung der meisten Theosophen, daß man nichts tun könne oder gar, daß man nichts tun dürfe, da nur die Meister etwas tun dürften, während die Theosophen passive Empfänger oder erlernte Unfähige zu sein haben.
Warum lassen die deutschen Theosophen alles kaputtgehen und erlauben keinen Bestandserhalt? Warum erfolgen keine Faksimile-Nachdrucke? Einen vernünftigen, guten oder gar esoterischen Grund dafür kann es nicht geben, nur niedere Beweggründe. Eine metaphysische Komödie!
Von all den verschiedenen Richtungen, in die sich die Theosophical Socitey nach dem Tod Blavatskys aufgespalten hatte, haben vor allem Tingley und Steiner das umgesetzt, zumindest damit begonnen, was sie wollte, aber aus gesundheitlichen Gründen selbst nicht mehr tun konnte. Die Tingley-Richtung ist erlahmt, übrig bleibt einzig die Anthroposophen als sichtbares Gegenmodell zur materialistischen Gesellschaft, die den Kern der Universalen Bruderschaft bildet. Die deutschen Theosophen sind zu einer “Lese-Religion” (Prof. Helmut Zander) geworden, wo man endlos Autoren zitiert als Ersatz-Gottesdienst, aber folgenlos, ohne Umsetzung im Leben und Alltag, die Lehren werden nicht gelebt, sondern nur proklamiert, Worte und Taten bilden keine Einheit, es ist ein Zustand der Zerrissenheit. Die Fehler der ersten Christen von vor 2000 Jahren wiederholen sich.
