Wir sehen heute den heftigen Streit zwischen Materialismus und Spiritualismus. Dieser heftige Streit rührt ja nur davon her, daß die Menschen nicht einsehen wollen, daß eine tiefe Begründung der Ausspruch hat: Zwischen zwei entgegengesetzten Behauptungen liegt die Wahrheit mittendrinnen.

Ist es wahr, daß Gott in uns ist? – Es ist eine Wahrheit, daß Gott in uns ist. – Ist es wahr, daß wir in Gott sind? – Es ist wahr, daß wir in Gott sind. – Die beiden Behauptungen sind entgegengesetzt. Beide sind wahr, Gott ist in uns, wir sind in Gott. Die beiden Behauptungen sind entgegengesetzt. Die wirkliche, die ganze Wahrheit liegt mittendrinnen.
Und das Wesen alles Streites der Ideen in der Welt beruht darauf, daß immer die Menschen nach einer Einseitigkeit gehen, die wahr ist, aber eben eine einseitige Wahrheit ist, während die wirkliche Wahrheit zwischen zwei entgegengesetzten Behauptungen drinnenliegt. Man muß beides kennen, wenn man an die Wahrheit herankommen will.
Man muß zum Beispiel heute, so wie die Weltentwickelung einmal liegt, den ernstesten Willen haben, das materielle Dasein kennenzulernen, man darf ja nicht in die Sucht jener Leute verfallen, welche sagen: Wir wollen uns mit dem Geiste beschäftigen, wir wollen die Materie nicht kennenlernen.
Soviel als möglich die Materie als solche kennenzulernen, das ist die eine Seite des menschlichen Erkenntnis- und Willensstrebens, die andere Seite ist es, auch den Geist kennenzulernen. Denn zwischen beiden drinnen liegt, was wir eigentlich anstreben sollen, und beide Parteien haben unrecht, diejenigen, die sagen, die Welt sei nur Materie, und diejenigen, die sagen, die Welt sei nur Geist.
